Der Meister himself


Portrait von Lehrer
Wilfried Carstens

WILFRIED CARSTENS
ODER
DIE LUST AM FABULIEREN

von Uwe Adamski (Entlaßjahrgang 1973)

Die Jahre 1971 bis 1973 , in denen Wilfried Carstens von H.-J. Schlechtriem die 9b und 10b übernahm, waren eine verrückte Zeit. In allen gesellschaftlichen Bereichen herrschte eine ungeheure Aufbruchsstimmung.
Überkommene Werte wurden in Frage gestellt, bis dahin unangreifbare "Autoritäten" an Schulen und Hochschulen massiv kritisiert und in Frage gestellt.

Wilfried Carstens 1962 Vom damaligen Zeitgeist blieb auch die Fabry- Realschule nicht verschont. Neue Lehrer kamen an unsere Schule, deren liberale Unterrichtsmethodik für uns damals vierzehn- bis sechzehnjährige völlig ungewohnt war.
Bis dahin an "Autoritäten" gewöhnt, hatten wir mit den "Neuen" anfangs erhebliche Akzeptanzprobleme. In schlichten Worten, wir nahmen sie nicht für voll, was einigen zu dieser Zeit praktizierenden Lehramtskandidaten (Stichwort "Contergan I und II" für alle Eingeweihten) aufgrund unserer Ignoranz leider auch die Karriere kostete, zumindest an unserer Anstalt.
In der Schülerzeitschrift "Schwarz auf Weiß" spiegelt sich vieles vom Geist der damaligen Zeit wider. Das große Schülerthema war damals "SMV" (Schülermitverwaltung).
Gewählte Vertreter der Schülerschaft sollten im Rahmen von Lehrer- und Zeugniskonferenzen an den Entscheidungsfindungen der Schule teilnehmen.


Von der Mehrheit des Lehrkörpers wurden diese Forderungen als "Albernheiten pubertierender Spinner" belächelt.
Zoff gab es, als in einer der "Schwarz auf Weiß" - Ausgaben ein Fabry-Fachlehrer aufgrund seines persönlichen Verhaltens und seiner Notengebung scharf (ehrverletzend?) kritisiert wurde.
Nach meiner Erinnerung wurde daraufhin die gesamte Ausgabe zumindest in der Fabry "konfisziert".

Wilfried Carstens 11/2001 Wilfried Carstens wird manchen von uns als der vielleicht "menschlichste" unserer drei Klassenlehrer während der Fabryzeit in Erinnerung bleiben.
Er unterrichtete uns in Englisch und Deutsch und galt als sehr umgänglich. Kleine Diskussionen und Exkurse, die auch schon mal vom Unterricht wegführten, waren keine Seltenheit.
Schwänke aus seinem Leben und die lebendige Wiedergabe von Kriegserlebnissen lockerten den Unterricht auf angenehme Weise auf. Selbstbewußte Mitschüler führten ihn dann durch sanfte Hinweise wieder auf den geordneten Weg des Unterrichts zurück, wenn das "Fabulieren" einmal ein wenig überhand nahm.

Kleine Aufmüpfigkeiten in Form "frecher Bemerkungen" von uns Pubertierenden wurden von Wilfried Carstens freundlich, aber bestimmt im Keim erstickt, hier war er noch ganz Kind seiner Zeit und vor allem gelernter Familienvater.

Durch die damals durchgeführte Oberstufenreform an allgemeinbildenden Schulen ergab sich für einige von uns die Möglichkeit, nach der Mittleren Reife das Gymnasium zu besuchen, sofern die Noten auf dem Abschlußzeugnis stimmten.
Bei mir war das nur bedingt der Fall, umso dankbarer war ich Herrn Carstens, als er mir aufgrund seiner persönlichen Einschätzung ("Der Uwe ist wie ein schlechter Kaufmann, er hat viel zu bieten, aber er verkauft sich schlecht!") eine Empfehlung für die weiterführende Schule schrieb.

Nach meiner Erinnerung gab es unter Wilfried Carstens nicht die großen und häufigen Klassenfahrten wie unter seinem Vorgänger H.-J. Schlechtriem.
Unsere Abschlußfahrt ging zum Zelten ins Ländliche, wobei wir uns über offenen Kesseln an erste eigene Kochversuche wagten. Unsere Nudeln wurden dabei leider nichts, da vor dem Kochen ins kalte Wasser geworfen. Damals war halt noch Muttern für derartige Dinge zuständig!

Wilfried Carstens 1970   Karl-Heinz Herzog

Den Abschluß unserer Mittelschulkarriere bildete dann im Sommer 1973 eine Fahrt ins Düsseldorfer Opernhaus mit den Herren Schlechtriem und Carstens. Gegeben wurde "Die lustigen Weiber von Windsor", was die meisten von uns - damals eher an Musik von Jethro Tull oder Carlos Santana gewöhnten 16-jährigen - doch reichlich verständnislos zur Kenntnis nahmen.
Naja, was halt zählte, war der gute Wille.

Was mir in der Erinnerung bleibt, ist der Gedanke an einen Klassenlehrer, der uns in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs und auch für mich persönlich schwierigen Phase an die Hand nahm und in einer lockeren, verständnisvollen, jedoch auch bestimmten Art zum (für einige vorläufigen) schulischen Abschluß führte.

Gedankt werden soll auch unseren Fachlehrern, den Herren Willhardt, Boden, Gödde, Schmelz, Paegert, Stodt, Heinen, Montag, Lorenz, Stache und allen weiteren, weil sie es mit uns und ihrer Zeit nicht immer leicht hatten.

Stand: 17.12.2002

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