Der Meister himself


Lehrer Karl Hermann Kauls
Solingen - Hilden

Es hat nicht sollen sein...
Es hat nicht sollen sein .....

Wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag ist am 11. Dezember 2008 der von allen hochgeschätze frühere Lehrer Karl Hermann Kauls in Dortmund verstorben.

Im Sommer hat er mit seiner Frau nach so vielen Jahrzehnten Solingen verlassen und ist in ein Seniorenzentrum nach Dortmund gezogen.
Bis 8 Tage vor seinem Tod war er gesund und geistig rege.
Der Jahrgang 1962 konnte noch im Frühjahr 2007 mit ihm den 45. Jahrestag der Entlassung feiern. (siehe Foto)

In Dankbarkeit nehmen wir Abschied von ihm und trauern mit seiner Familie. Als Christ wird er jetzt schauen können, was er geglaubt hat.

Gerne nehme ich weitere Geschichten mit und um Herrn Kauls entgegen (s. unten). Hier im Internet wollen wir eine würdige Erinnerung an ihn ermöglichen.

Realschullehrer Karl Hermann Kauls, Solingen

Karl Hermann Kauls Im Geiste frei
Vom Soldaten zum Studenten -
weil er Lehrer werden wollte, begann Karl Hermann Kauls in US-Gefangenschaft zu studieren

mit freundlicher Genehmigung von
YVONNE GLOBERT (FR) vom 3. Mai 2005

Karl Hermann Kauls ist 86 Jahre alt und das, was man gemeinhin unter "rüstig" versteht. Ein Lehrer alter Schule. Auch dieses Stereotyp schießt durch den Sinn, wenn Kauls eine korrekte Bemerkung mit einem "ganz richtig" im scharfen Rheinlanddialekt kommentiert.
In jeder Hinsicht akkurat: ein exakt geschnittener Kinnbart, das grünkarierte Jackett passgenau auf Krawatte und Hemd abgestimmt. Selbst auf Reisen ging er immer systematisch vor: erst die Benelux-Staaten, Skandinavien, Russland. Bis heute sammelt er Sprachen wie andere Menschen Porzellanfiguren. Einen Teil davon brachte er Generationen von Schülern bei. "Ich habe einen eisernen Willen und bin dankbar dafür", sagt der Pensionär.

Als der junge Kauls in Gefangenschaft zu studieren beginnt, da ist er schon durch die ägyptische Wüste gekrochen und hat eine 3 000 Kilometer lange Strecke nach Casablanca, eingepfercht mit 50 Männern in einem stinkenden Viehwaggon, hinter sich. Noch bevor er sein erstes Buch aufschlägt, gräbt er sich mit 30 Männern in den Wüstensand von El Alamein, um sich vor den Angriffen der Briten zu schützen. Da ist er Oberleutnant und gerade einmal 24.

Die Truppe des Afrikakorps überlebt, wird aber am 13. Mai 1943 in Tunis von amerikanischen Militärs gefangen genommen. Sechs Wochen lang ist Kauls per Laster, Schiff und Schnellzug unterwegs, bevor er den Endpunkt erreicht, ein Gefangenenlager im 5 000-Seelendorf Mexia, irgendwo im texanischen Nirgendwo.

Die 55 Grad Außentemperatur, die den Männern hier bei den Mahlzeiten den Schweiß in die Suppenschüssel tropfen lassen, kennt er von Nordafrika. Es ist die Leere, die ihm Angst macht. Bis auf ein paar Betten, einen einzigen Stuhl und einen Kachelofen sind die Kammern in der Holzbaracke leer.

Lernen im Lager

Vor allem die Westalliierten gaben deutschen Gefangenen die Chance zur geistigen Betätigung. So entstanden Lageruniversitäten, in denen Akademiker ihr Wissen an andere Häftlinge weitergaben. Auch die Teilnahme an Korrespondenzkursen der nationalen Hochschulen in England, Frankreich und den USA war zum Teil gestattet. Der Unterricht war politisch neutral zu halten.
Nach Kriegsende führten die Alliierten in einigen Lagern Reeducation-Programme durch. Bekannt wurde dabei vor allem die Hochschule Wilton Park im britischen Beaconsfield, in der englische Professoren und Politiker sowie aus Deutschland emigrierte Wissenschaftler Kriegsgefangenen eine demokratische und selbstständige Denkweise näher zu bringen versuchten. yg

Fast drei Jahre werden im Offizierslager vergehen, bevor Kauls wieder nach Deutschland kann. "Ich überlegte: Wie halte ich hier den Kopf hoch und die Beine auf der Erde? Schließlich hatte ich noch Pläne", erzählt Kauls. Kauls will studieren. Wie aber den Geist in dieser sterilen Atmosphäre wach halten? Der junge Mann schwört sich, "bloß keinen Lagerkoller" zu bekommen. Dass sich andere Offiziere die Zeit nur im Kartenspiel vertreiben, schreckt ihn ab.

Doch unter den Offizieren sind auch Handwerker, die es verstehen, die Baracke in eine wohnliche Stube zu verwandeln. Zimmerleute, Schlosser und Schmiede schaffen Stühle und Tische und zaubern aus Nägeln, die sie in den Holzwänden finden, Werkzeug. Und viel wichtiger noch für Kauls: Unter den Gefangenen leben Akademiker - 84 Lehrer und Professoren. Schon einige Tage nach der Ankunft beginnen sie aus dem Stegreif wissenschaftliche Vorträge zu halten. Es gründen sich kleine Fakultäten. Die Hälfte der Lagerinsassen beginnt zu studieren: Ackerbau ist genauso im Angebot wie Geografie, Architektur und Sprachen. Kauls belegt neben Englisch und Französisch griechische Philosophie und Geschichte und nimmt mit anderen Studenten im Lager an mündlichen und schriftlichen Prüfungen teil.

Nur über Hitler und den Nationalsozialismus verlieren die Deutschen kein Wort. Und den Amerikanern ist bis zum Kriegsende und dem Zeitpunkt der Entdeckung deutscher Kriegsgräuel an der Demokratisierung der Häftlinge nicht viel gelegen. Deshalb finden Re-education-Programme in Mexia nicht statt. Hin und wieder wird ein harmloser Unterhaltungsfilm gezeigt.

Aber die Amerikaner legen den Deutschen auch keine Steine in den Weg. Lehrmaterial erhalten sie vom Internationalen Roten Kreuz und anderen Hilfswerken. Sogar ein Rundfunkgerät wird geliefert. Wenngleich in Gefangenschaft, entwickelt sich eine Art Campusatmosphäre: Die Studenten machen Musik und führen Theaterstücke auf. Einige spielen Tennis. Auch Kauls versucht in Form zu bleiben und läuft regelmäßig am Barackenzaun entlang, immer wieder zwölf Kilometer.

Ich überlegte:
Wie halte ich hier den Kopf hoch und die Beine auf der Erde? Ich hatte ja noch Pläne.
Der lockere Umgang mit den Gefangenen findet ein Ende, als die Amerikaner in Deutschland die Konzentrationslager stürmen und nur noch halb tote Menschen retten können. Die Wärter pflastern die Wände der Unterhaltungsbaracke mit Aufnahmen der Opfer in den KZs. Gleichzeitig wird Kost reduziert.

Doch die Deutschen schweigen weiter und wollen sich noch immer nicht mit der eigenen Geschichte und den falschen Ideologien ihres Landes auseinander setzen. "Was wir dort sahen, konnten wir nicht glauben. Viele hielten die Bilder für Feindpropaganda oder maßlose Übertreibung", so Kauls. Am 2. März 1946 wird er aus der Gefangenschaft entlassen und kehrt in seine Heimat Solingen zurück. Mit drei Paketen voller Studienmaterial stellt er sich beim Schulministerium in Nordrhein-Westfalen vor und beweist, "dass ich meine Zeit nicht verbummelt habe". Weil in Deutschland Lehrer knapp sind, kann er als Quereinsteiger das Lehramtsstudium an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf fortsetzen. 1951 macht er dort sein Examen in Englisch und Französisch.

Die Schüler der Realschule in Solingen sind gespannt, als sie ihren neuen Lehrer kennen lernen. Und sprachlos, als ein Soldat die Klasse betritt. Weil Geld für neue Kleidung knapp ist, hat Kauls seine Uniform nicht ausrangiert. Nur die Abzeichen hat seine Frau herausgetrennt. Ansonsten bleibt er seinen Schülern als Sprachlehrer im Gedächtnis, der den Begriff Völkerverständigung wörtlich nimmt. Kauls beginnt, Niederländisch an nordrhein-westfälischen Schulen zu etablieren und kämpft hartnäckig um einen Schüleraustausch mit der Konigin-Wilhelmina-School in Zutphen - in einer Zeit, in der zu den Deutschen nur wenige Niederländer Kontakt wünschen.

Der Wunsch sich auszutauschen überträgt sich auch auf Kauls Schüler. Einer erzählt beim 50. Klassentreffen von einer Freundschaft, die ihn mit einer Familie in Ägypten verbindet. Kürzlich habe er sie besucht. Die Schützengräben in El Alamein, durch die sein Lehrer 1943 gekrochen war, konnte er vom Flugzeug sehen.

Über den Niederländisch-Unterricht an der Schule hier ein besondere Website von Karl-Heinz Sieger.

Weiterhin ein Link zur Universität Münster.

Karl Hermann Kauls Unser Klassenlehrer Tutte

Wir müssen wohl 14 oder 15 gewesen sein, als nach den Sommerferien ein neuer Klassenlehrer unsere Klasse übernehmen sollte.
Jedenfalls hatten wir keine Ahnung, was uns erwartete.
Der Türsteher gab Alarm, wir beendeten unser Raufen und Lärmen und stellten uns neben unsere Tische. Mit behänden Schritten betrat ein nicht sehr großer, frisch aussehender, wenig kopfbehaarter Mann die Klasse, legte mit viel Schwung die unter dem rechten Arm mitgebrachten Hefte und Bücher auf das Lehrerpult, stellte sich in die Mitte vor die Klasse, streckte seinen Rücken und sagte: "Bonjour, les garcons!"
Er trat zwischen die Reihen der Klasse, drehte sich zur Tafel um und sagte: "Toute la classe: Bonjour, monsieur!"

Nun ging er wieder nach vorne, drehte sich um und sagte erneut: "Bonjour, les garcons!", ging wieder zwischen uns Schüler, ruderte einladend die Arme und sagte: "Toute la classe: Bonjour, monsieur!"
Wir stupsten uns an, einige kicherten, andere lachten. So ging das vielleicht drei, vier Mal, bis sich die ersten Streber bereit fanden, nach der Aufforderung "Toute la classe:" mit zu sprechen "Bonjour, Monsieur!".

Nachdem das nun klappte, machte dieser seltsame Mann das "Spiel" noch ein paar Mal, bis er sagte: "Asseyez-vous!", womit natürlich wieder keiner etwas anzufangen wusste.
Er kam zu uns, drückte mit kräftigen Armen die ihm nächststehenden Schüler auf ihre Stühle, wobei er deklamierte: "Toute_la_classe: Nous_asseyons."
Alles wiederholte sich, wie bei der Begrüßung. Danach kam "Levez-vous!", worauf erneut keiner reagierte.
Er wieder zwischen den Reihen, packte zwei Schüler unter die Arme und zerrte sie zum Stand: "Toute la classe: Nous_nous_levons."

Mittlerweile hatten wir begriffen, dass das unsere erste Französisch-Stunde war, und diese begann, uns Spaß zu machen. Und nach 10 Minuten sagte er uns schließlich seinen Namen, und wir mussten unseren sagen. So ging die erste Französisch-Stunde sehr kurzweilig zu Ende, und jeder hörte sich sagen "Mon nom es ..." Wir staunten nicht schlecht, als die nächste Stunde nach genau dem gleichen Muster ablief.
Immer sprach Herr Kauls einen Satz, den wir nach dem Kommando "Toute la classe:" wiederholen mussten. Und nach zwei Wochen hatte Herr Kauls seinen Spitznamen weg:
Für uns war er ab sofort nur noch unser " Tutte ".

Wir haben viel gelernt, fachlich und menschlich und besonders seine "Proverbs", von denen mir ""Een goede buur is beter dan een verre vriend" bis heute nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist.
Herr Kauls war eine Respektsperson für uns, aber wir liebten ihn, auch wenn wir ungehobelten Rüpel das natürlich nicht zugeben und schon erst recht nicht zeigen konnten.

Matthias W. Koch, Düsseldorf
Entlassjahrgang November 1966

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Herr Kauls war etwas Besonderes.
Er war ein Lehrer, der uns nicht stures Pauken beigebracht hat, sondern zu lernen wie man lernt, der uns gezeigt hat, das Sprachen lernen und sprechen auch Spass machen kann.
Vor allem aber hat er uns die Angst und Unsicherheit davor genommen, sich in einer fremden Sprache ausdrücken und bewegen zu müssen.

Ich verdanke diesem Lehrer sehr viel in sprachlicher Hinsicht, denn ich habe sechzehn Jahre für eine amerikanische Elektronikfirma gearbeitet und da hat mit das gute gelernte Englisch, das ich durch die gute Schulgrundlage mühelos, auch durch mehrere Englandaufenthalte, weiterentwickeln konnte sehr geholfen. Auch Französisch konnte ich immer gut anwenden. Die Freude Sprachen zu lernen, deren Grundlage letztendlich Herr Kauls gelegt hat, ließ mich dann auch noch privat Niederländisch lernen.

Ich bin sehr traurig, dass ich ihn zur 50 jährigen ersten Entlassfeier ( 2011) nicht mehr sehen werde. Ist bekannt, dass Herr Kauls einer Auswahl von Schülern des ersten Jahrgangs in den Jahren 1959 bis 1961 in einer Arbeitsgemeinschaft vor dem normalen Unterricht Russischunterricht erteilt hat? Ich war damals dabei, das Lehrbuch habe ich noch.

Lothar Bochem, Entlaßjahrgang 1961

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Mit großem Bedauern habe ich die erste Nachricht nach Rückkehr aus dem Weihnachtsurlaub gelesen. Unser Lieblingslehrer für Fremdsprachen Karl Hermann Kauls ist gestorben. Auch ich habe noch das Bild vor Augen, wie er anläßlich unseres Treffens im April 2007 plötzlich im Raum stand und die ihm eigene Persönlichkeit geradezu verströmte. Nun hat er seinen 90. Geburtstag doch nicht mehr erlebt.

Was ist an Erinnerungen geblieben?

Für mich das unverwechselbare Notizbuch, in das er akribisch alles für ihn Notwendige und Wissenswerte eingetragen und verwaltet hat. Und er hat es oft genug im Unterricht gezückt und eine Ergänzung gemacht, wenn einer seiner Klässler etwas gewußt oder auch nicht gewußt hat. Was genau er dort notiert hat, ist mir nie bekannt geworden und ich konnte am Ende des Schuljahres nur spekulieren, daß es mit den Noten zu tun haben mußte, die er seinen "Studenten" verpaßt hat.
Zum Glück waren es bei mir fast durchweg gute Bewertungen, was im Umkehrschluß zur Folge hatte, daß meine Motivation beim Lernen von Fremdsprachen durchaus sehr hoch angelegt war. Und das hat mir im späteren Leben außerordentlich gut geholfen. Beim Ausbau meines Geschäftes mit ersten Auslandskontakten schon in den 70er Jahren kamen mir meine recht ordentlichen Niederländisch- Französisch- und Englischkenntnisse zu gute. Inzwischen hat es mir auch das Italienische angetan und ich habe vor einiger Zeit mit einem Anfängerkurs beim ital. Kulturverein der Stadt Langenfeld begonnen. Dabei habe ich erst kürzlich noch von meinen damaligen Lieblingslehrer erzählt.

Eine Sache sei noch erwähnt, bei der ich Lehrer Kauls mit ziemlicher Sicherheit sehr enttäuscht haben muß. Als die Frage über das Thema unserer Abschlußarbeit anstand, war es für ihn außer Zweifel, daß es bei mir über Frankreich und Paris gehen mußte, hatte ich doch zu der Zeit mehrere Reisen eben dorthin absolviert und meinem Lehrer stolz davon berichtet, wie gut ich mich dank seiner Hilfe hatte verständlich machen können. Um so entsetzter reagierte er darauf, daß ich als Arbeitsthema "Fußball" vorgesehen hatte, der mich in seiner Faszination schon damals sehr gepackt hatte. (Bin heute immer noch leidgeprüfter Anhänger von Fortuna Düsseldorf !!)

Zuletzt hat mich dann aber mein schlechtes Gewissen veranlaßt, doch eine Arbeit über Paris zu erstellen. Diese habe ich zugegebenermaßen in relativer Kürze "zusammengeschustert", ein Mitschüler (ich glaube, es war Günter Standke), hat mir ein paar schöne Zeichnungen von Arc de Triumphe und Metro angefertigt, aber das Ergebnis war damit nicht zu retten:
Herr Kauls hat mir eine 4 minus verpaßt und war zurecht über meine flüchtige und von Fehlern durchsetzte Arbeit vergrätzt. Immerhin haben wir uns am Ende der Schulzeit wieder versöhnt, so daß meine Abschlußnoten bezüglich Fremdsprachen sehr ordentlich ausgefallen sind.

Fast 90 Jahre alt ist er geworden und ich denke, er hat ein erfülltes Leben gelebt, das von Weltoffenheit, Güte und Herzenswärme geprägt war. Seine auch anläßlich unseres Treffens nochmals erwähnten Bemühungen um die Wiederherstellung von guten Beziehungen zu unseren niederländischen Nachbarn und sein Bekenntnis, daß wir alle irgendwie Fremde und doch Freunde sein können, werden mir in bester Erinnerung bleiben.

Für heute grüße ich mit einem stillen Andenken an Karl Hermann Kauls.

Klaus Hoffmann, Entlaßjahrgang 1962

Stand: 01.04.2010
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