Der Meister himself


Erinnerungen
an die Foto AG und eine besondere Kamera

Die Schulkamera Exakta Varex IIb

von Karl-Heinz Herzog / Langenfeld

Exakta-Emblem Diesen Fotoapparat kannte ich durch meinen Vater. Er hatte ihn 1962 für DM 570,00 über den Versandhandel des Hauses Photo Porst in Nürnberg erworben. Eine stolze Summe in dieser Zeit.
Wegen seiner nebenberuflichen Tätigkeit als Fotograf war es wohl die technische Voraussetzung schlechthin für ihn. Für mich, einen damals 9-jährigen Jungen, war alles total kompliziert und eine Höllenmaschine.
Als mein Vater im Jahr 1964 starb, verschloss meine Mutter diesen Fotoapparat und alle Teile der damaligen Laboreinrichtung.
Es dauerte 5 Jahre, da hatte ich unter Aufsicht von Herrn Paegert als Teilnehmer seiner Fotoarbeitsgemeinschaft diese Kamera wieder in der Hand.
Die Wilhelm Fabry-Realschule verwendete dieses Spitzengerät der Firma Ihagee Dresden AG als Schulkamera: eine echte "Exakta Varex IIb" – wie die von meinem Vater!

Exakta Varex IIb von vorn

 Exakta Varex IIb  von hinten

Was ist das für ein Gerät ?
Eine klobige Systemkamera, welche selbst und mit allen Zubehörteilen aufgrund der unerhörten Qualität und Wuchtigkeit eher einem Modell für Kampfpanzer entspricht. Die Geschichte der Kamera führt zurück bis in die Mitte der Fünfziger-Jahre, als die Modellreihe durch die in der damaligen DDR produzierende Firma Ihagee in Dresden entwickelt wurde.
Im Jahr 1966 folgte noch ein Apparat mit der Bezeichnung Exakta VX1000, jedoch zeichnete sich bereits der Niedergang der (gesamt)-deutschen Fotoindustrie ab – trotz hoher Fertigungsqualität. Die erstarkende japanische Industrie verdrängte mehr und mehr die Vorrangstellung der mangels Kapital innovationsarmen Unternehmen in Europa. Es begann die Zeit der Marken Minolta, Nikon, Canon, Fuji, Olympus und so weiter.

Die Exakta Varex IIb ist eine einäugige Spiegelreflexkamera für Kleinbild mit Bajonettanschluss für Wechselobjektive von 20 - 2000 mm Brennweite, gebaut mit wechselbaren Sucheraufsätzen in Form von Prismensucher oder Lichtschacht, beide Sucherausführungen als echte TTL-Aufsätze gefertigt.
Die Kamera verfügt über einen Schlitzverschluss und Belichtungszeiten von B, 12 (Zwölf!) - 1/1000 Sekunden. Sie hat einen Rapidspiegel mit vollautomatischer Springblende plus Schnelltransporthebel.
Ihr Auslöseknopf befindet sich auf der Vorderseite des Gehäuses, links vom Objektivanschluss. Besonderheit der Selbstauslöser, die Möglichkeit der Doppelbelichtung und der eingebaute Filmschneider, um im Wechselsack kurz neues Filmmaterial nachladen zu können.
Alles pure Fertigungsqualität. Ohne eingebauten Belichtungsmesser.

 Exakta Varex IIb von oben

Willi Paegert Nie hat Ihagee Objektive selbst erzeugt. Einzelne, als Exakta bezeichnete Objektive, wurden zugekauft.
Insgesamt wurden von bekannten Firmen wie Carl Zeiss Jena, Meyer Görlitz, Schneider Kreuznach u.a. mehr als 1000 Objektivtypen für die Exakta gebaut. Üblich waren drei Objektive in der Fototasche: ein Weitwinkel mit 35 mm Brennweite, ein Normalobjektiv mit 50 mm und ein Teleobjektiv mit 135 mm Brennweite.
Wer Glück hatte, verfügte ferner über einen Konverter zur Verdoppelung der Brennweite.
Wir, die Auserkorenen der Paegert'schen Foto AG, hatten sehr viel Glück.
Es gab umfangreiches Zubehör, vom Balgengerät, Zwischenringen für Makrofotografie bis hin zum bestimmt ersten Fischaugen-Objektiv in Hilden: einem echten "Fisheye" mit knapp 20 mm Brennweite bei einem eingestellten Blendewert von 5.6!

fisheye-Objektiv

So entstanden an einem Nachmittag des Jahres 1969 im Gang vor dem Lehrerzimmer mit Fisheye-Objektiv die wohl bis heute einzigen Spaßbilder von zwei Lehrern, den Herren Carstens und Gill.
Das Feine daran war, dass keiner der Lehrer ahnte, was ich da an Linse an der Kamera hatte. Freundlich wurde ich milde belächelt. Das Ding war neu in dieser Zeit und relativ unbekannt.

Wilfried Carstens hat diese Fotos erst im Jahr 1995 anlässlich unseres ersten 10b/1970-Klassentreffens in Hilden gesehen und sich köstlich darüber amüsiert. Erich Gill ist dieses Ereignis bis jetzt entgangen. Hingegen wurde während der Schulzeit fast jeder Mitschüler aus unserer Klasse mit einem Abzug dieser Motive versorgt, nur nie die "Opfer"!

Wilfried Carstens   Erich Gill

Ich kann nicht sagen, was aus unserer Schulkamera und den Negativen geworden ist. Durch Herrn Paegert erlernte ich jedenfalls ein solides Fotohandwerk und benutzte lange Zeit die wieder aus dem Keller befreite Fotoausrüstung meines Vaters.
Den Umgang mit der Exakta Varex Iib beherrsche ich immer noch im Schlaf. Aber – bei mir ist die Fotowelt mittlerweile "digital" geworden. Und diesem Umstand haben wir die per Scanner wieder ins Licht dieser kleinen Schilderung geholten Aufnahmen zu verdanken. Viel Freude daran.

Klick – es grüßt Euch
Euer Kalle Herzog
10b/1970

Stand: 01.11.2002

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