Der Meister himself


Aus der Chronik der
Klasse b von 1957 - 1963
der Wilhelm-Fabry-Realschule Hilden

Auf Schatzsuche
Die "Knäblein" des Entlassjahrganges 1963 bekamen eine würdige Feier zum Abschluß und natürlich eine dem damaligen "Zeitgeist" und den persönlichen Einstellungen der Lehrer entsprechende Abschlussrede zu hören.
In diesem besonderen Fall hat der Klassenlehrer der 6b, Ernst-Albert Becker seine Rede handschriftlich in das Chronikbuch der Klasse eingetragen und somit der "Nachwelt" erhalten.

Da diese Rede auch etwas über die Person dieses Lehrers der Kriegsgeneration aussagt und somit soziologisch von Interesse ist, habe ich sie höchsteigenhändig eingetippt, damit viele Leser die Gedanken und Religiösität von Herrn Becker kennenlernen und die "Knaben" von 1963 alles noch einmal nachlesen und vergleichen können.

Dietmar Jendreyzik Köln

Hilden, März 1963
Euer Ernst-Albert Becker

Ich bin gebeten worden, zum Abschluss Eurer Schulzeit etwas in Euer Buch zu schreiben.
Da ich kaum etwas anderes schreiben kann als das, was ich in der Rede bei der Abschlussfeier gesagt habe, schreibe ich sie ein.
Es kann dann im Laufe der Zeit immer von neuem geprüft werden, wie ihr dazu steht (bzw. wie jeder von Euch dazu steht; die Einstellung zum Leben ist ja immer eine Entscheidung des einzelnen Menschen, wenn auch des Einvernehmen innerhalb der Gesellschaft. Also:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Knäblein !
Ihr steht heute im Mittelpunkt einer Feier, die ihr wohl jahrelang sehnsüchtig herbeigesehnt habt. Welcher Schüler hat nie hat zu allen Zeiten den innigen Wunsch gehabt, mit dem ganzen Schulbetrieb nichts mehr zu tun zu haben, drei Kreuze hinter ihr - der Schule - her schlagen zu können. Endlich ist die Quälerei zu ende, und jetzt kann uns erst mal alle Lernerei und alles Wissen gestohlen bleiben.

Nach einer mehr oder weniger langen Zeitspanne revidieren die meisten "Ehemaligen" dann ihre Meinung. Sie stellen irgendwann einmal fest, dass die Schule mit ihrem Unterrichtsbetrieb, mit ihrer Strenge und mit ihrem Zwang eigentlich eine ganz ordentliche Sache gewesen ist, nicht nur wegen des Wissens, das man eingetrichtert bekommen hat, sondern vor allem wegen einer Eigenart, die man im Schülerleben meist nicht erkennt: Wege der Humanität - auf deutsch Menschlichkeit - die dort bei aller Rauheit herrscht.
Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich jetzt nicht als Lehrer spreche, sondern als ehemaliger Schüler, der vor 25 Jahren im März 1938 bei der Entlassungsfeier genau dasselbe gedacht hat, wie ihr heute denkt.

Einen Monat später war ich dann im Arbeitsdienst, und die Verhältnisse waren da so dass ich schon 4 Wochen nach meinem sehr fröhlichen Abschied von der Schule voller Hochachtung an sie zurückdachte, wie man etwas an ein verlorenes Paradies denkt ........

Ihr bekommt nun gleich euer Zeugnis, das euch den erfolgreichen Abschluss euer allgemeinbildenden Schulzeit bescheinigt.

Ihr seid jahrelang in einer Schule unterrichtet worden, die dem verpflichtenden Namen Realschule trägt. Ich war Schüler eines Realgymnasiums. Was bedeutet das Wort "real"?
Real heißt wirklich. Ein Realist ist ein Mann, der in der ganzen Wirklichkeit lebt, in einer Wirklichkeit, die weder durch Illusionen noch durch Unwissenheit verfälscht ist.
Dieses Stehen in der ganzen Wirklichkeit schützt ihn vor der größten Gefahr des modernen Massenmenschen, sich in seinem Leben einfach treiben zu lassen.

Das Zeugnis, das ihr gleich bekommt, bescheinigt euch also, dass ihr mindestens die Voraussetzungen dazu habt, solche Menschen zu werden, also Leute zu werden, die mit beiden Beinen in der Wirklichkeit des Lebens stehen und die deshalb sich selbst und anderen Rechenschaft ablegen können über das, was sie bisher getan haben und demnächst tun wollen. Eure alte Schule muß, wenn in ihr gut und richtig gearbeitet worden ist, dazu beigetragen haben, den Sinn für diesen Realismus in euch zu wecken.

Ich habe mir wochenlang, fast monatelang überlegt, was ich euch sagen soll bei eurer Entlassungsfeier. Dabei ist es mir immer klarer geworden, dass es falsch und billig wäre, wenn ich mich auf feierliche, aber unverbindliche Worte beschränken würde, angereichert mit ein paar Zitaten vom großen Goethe samt Schiller, Konfuzius und Sokrates, um da mit zu zeigen, was ich alles weiß.

Es kommt nicht auf den Redner, sondern auf euch an, und ich meine, dass ich euch mehr schuldig bin als wohltönende Worte. Mit Ausnahme einiger weniger, die zum Gymnasium oder zur Handelsschule übergehen, steht ihr alle am Beginn eures Berufslebens. Auch das geht das Lernen zunächst weiter. Trotzdem steht ihr jetzt an einem Wendepunkt. Bisher habt ihr im wesentlichen zwischen Elternhaus und Schule gelebt.

Die Schule hatte das eine große Ziele, euch zu fördern, und zwar ohne alle Nebenabsichten. Das ändert sich völlig. Von jetzt ab werdet ihr für eure Arbeit bezahlt. Von jetzt ab wird jeder nur nach dem geschätzt, was er für seine Firm leistet. Die Wertschätzung, die man jedem von euch entgegenbringt, wird in Geld ausgedrückt. Die Menschliche Seite ist nur insofern interessant, als die Leistungsfähigkeit davon berührt wird.
In dieser Atmosphäre werdet ihr sehr viel schneller äußerlich und selbständig, d.h. erwachsen werden als bisher.

Wer intelligent genug ist, weiß natürlich, dass man nicht dann erwachsen ist, wenn man bei seien Eltern durchgesetzt hat, dass man erst um Mitternacht zu Hause sein muß. Erwachsen ist man auch nicht, wenn man das selbstverdiente Geld selbst ausgeben kann, ohne jemanden fragen zu müssen (das ist ohnehin nur eine kurze Übergangsperiode, die zu Ende ist, wenn man auf dem Standesamt und vor dem Altar "ja" gesagt hat.)

Erwachsen bist du, wenn du weißt, dass du für all dein Tun und Lassen verantwortlich bist, wenn du weißt, dass dir niemand etwas abnehmen kann von deiner Pflicht, deiner Verantwortung, deinen Versäumnissen.

Dazu ist der Erwachsene nicht jemand, der tun und lassen kann, was er will, wie der kleine Moritz meint, sondern er ist jemand, der sich klar darüber ist, wer er ist und wozu er da ist. Anders ausgedrückt: Du bist nicht dann ein Mann, wenn du dich täglich rasieren musst, sondern wenn du deinen Weg gesucht und gefunden hast und ihn dann auch konsequent geht. Es wird hier klar, dass man nicht mit 18 Jahren erwachsen sein kann, ein Mann sein kann, dass man aber auch sein Leben lang diese Ausgangsposition verfehlen kann.

Ist es euch klar, was mit dem Massenmenschen unserer Tage los ist? Die jetzt lebende Sorte Mensch wird in der Wissenschaft homo sapiens genannt. Homo heißt Mensch, sapiens heißt klug, weise, verständig, einsichtsvoll. ' Die Bezeichnung ist also einigermaßen verpflichtend. Wenn sie richtig ist, sind wir geistig orientierte Wesen. Dann ist grundsätzlich alles falsch, was dieser Bestimmung des Menschen widerspricht.
Dann ist z.B. der Materialismus jeder Art unsinnig, eben weil er unserer eigentlich Bestimmung widerspricht. Wenn ich aber anders lebe, als es meiner Wesensart entspricht, kann das Leben mir nur Enttäuschungen bringen; dann muß es mir unter den Händen zerrinnen.

Die Wissenschaft hat ferner herausbekommen und das war gar nicht so schwer- dass der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist. Robinson ist im wirklichen Leben unmöglich, er würde tierisch werden. Wie ist es nun eigentlich mit dem Menschen, der ohne Rücksicht auf die Gemeinschaft nur für sich und seine Wünschen leben will ? Es ist also gar nicht nötig, an den jugendlichen Idealismus zu appellieren - die meisten, die das zu allen Zeiten getan haben, waren Rattenfänger - sondern man kann den berechtigten Egoismus des Einzelnen ansprechen, indem man ihm sagt, dass er gerade auch zum eigenen Nutzen in der Gemeinschaft und für die Gemeinschaft, in der er lebt, tätig werden soll.

Das klassische Beispiel dafür steht im Alten Testament: Als vor zweieinhalb Jahrtausenden die Babylonier den jüdischen Staat vernichteten und den größten Teil der Bevölkerung verschleppten, schrieb der Prophet Jeremia den in der Fremde Lebenden: "Suchet der Stadt Bestes, in der ihr lebt, denn wenn es ihr gut geht, geht es euch auch gut": Jeder, der nur für sich selbst lebt, wird im Laufe der Zeit immer klarer feststellen, dass das, was er triebt, gar nicht mehr Leben genannt werden kann, dass es eine schale und widerwärtige Angelegenheit ist.

Ich habe eben gesagt, dass der erwachsen ist, der weiß, dass er für sein Tun und Lassen ganz allein verantwortlich ist,. In dem Wort verantwortlich steckt das Substantiv "Antwort",. Eine Antwort ist aber nur sinnvoll, wenn eine Frage gestellt worden ist. Wer fragt den Menschen ? Ihr kennt alle die uralte Geschichte, in der die Frage gestellt wurde:" Adam, wo bist du?" Adam ist Substantiv und heißt Mensch. Mensch, wo bist du? Was fängst du mit deinem Leben an, das dir als größte aller Gaben anvertraut ist? Weißt du, dass jeder Gabe eine Aufgabe entspricht ?

Niemand kennt die Aufgabe seines Lebens. Es ist nur von vornherein klar, dass der Sinn sich nicht im Streben nach materiellen Gütern erschöpfen kann. Der Pfadfinderspruch "Allzeit bereit" zeigt in etwas einen Weg. Man weiß zwar nicht, wozu und wann man bereit sein soll, aber man weiß, dass irgendeine Aufgabe wartet, die über das platt Materielle hinausgeht und das Leben erst lebenswert macht.
Wer das weiß, kann nicht unverantwortlich, unreal leben.

Die 6b hat vor langer Zeit einmal ein Gedicht von C.F. Meyer gelernt, das hierhin gehört:

Wer in der Sonne kämpft, ein Sohn der Erde,
und feurig geißelt das Gespann der Pferde,
Wer brünstig ringt nach eines Zieles Ferne,
von Staub umwölkt - wie glaubte der die Sterne ?

Doch das Gespann erlahmt, die Pfade dunkel,
die ew`gen Lichter fangen an zu funkeln,
die heiligen Gesetze werden sichtbar.
Das Kampfgeschrei verstummt. Der Tag ist richtbar.

Ich möchte euch wünschen, dass ihr das nicht erst dann erkennt, wenn eurer Lebensweg sich dem Abend zuneigt.
Für eure Zukunft wünsche ich euch alles Gute.
Ich will nicht mir eigenen Worten schließen, sondern mit dem Schlussvers des Psalm 90:

"Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unserer
Hände bei uns; ja, das Werk unserer Hände wolle er fördern."

Hilden, März 1963
Euer Ernst-Albert Becker


Stand: 22.01.2005

[zurück]