Wilhelm-Fabry-Realschule in Hilden
Englandfahrt 1960



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Englandfahrt der Wilhelm - Fabry - Realschule 1960

Mit reichen Erlebnissen aus dem Ferienlager in England heimgekehrt

Hildener Realschülergruppe verbrachte frohe und inhaltsreiche Wochen im Gastland
und schloss viele Freundschaften
von Ernst Kunstmann

(Dieser Bericht erschien auch in der Hildener Zeitung am Samstag, 20. August 1960)

Welch eine gähnende Zeitspanne schien sich vor uns aufzutun, als wir uns in Düsseldorf für neunzehn Tage von besorgten Eltern und Geschwistern zu unserer Englandfahrt verabschiedeten.
Doch nun scheint es uns, als sei es erst gestern gewesen, dass wir Abschied winkten. Doch eine Fülle von Erlebnissen und Eindrücken liegt zwischen diesem Gestern und dem Heute. Wie ein Traum voll sich überstürzender Ereignisse erfüllt das Geschehen dieser Wochen unsere Erinnerung und will geklärt und ausgeschöpft werden.

Im Strudel des Londoner Verkehrs

Da ist zunächst London mit seinem wogenden Verkehr, durch den sich unaufhaltsam die roten Klötze der Busse schieben.
Eine ewige Unrast, die aber doch Ruhe in sich birgt; Ruhe für den, der wie wir auf dem Oberdeck eines dieser bulligen Ungetüme sitzt und wie unbeteiligt den endlosen Strom unter sich dahinfluten lässt.

Ruhe aber ist auch in dem Strom selbst, dem zwar Eile, aber nicht das verbissene Jagen nach der Sekunde anhaftet. Auch der eiligste Fahrer wartet gern eine Weile, um einen Schwarm des Linksverkehrs ungewohnter Jungen vorüberzulassen, und der menschliche Wink des "Geh-du-voran" überbrückt ständig alle Lücken einer für unser Empfinden unzureichenden Verkehrsgesetzgebung. Ein glückliches Land, das sich auf Höflichkeit und Rücksichtnahme verlassen kann und keine zwingenden Vorfahrtregeln braucht.

London, das sind auch labyrinthische U-Bahn-Tunnel mit schwüldumpfer Luft, die nur dann für Augenblicke erträglich wird, wenn der herandonnernde Zug vor sich her einen pfeifenden Luftstrom aus der düsteren Röhre presst. Es scheint, als ob nur die Schwarzen es in dieser Atmosphäre aushalten könnten, die fast ausschliesslich den Dienst in diesen stickigen Höhlen versehen.

Menschen aus aller Welt

Oben jedoch atmen die Menschen freier, die zu Hunderten auf den weiten Rasenflächen des Hyde-Park lagern, und die sich zu Tausenden vor dem Buckingham-Palast versammeln, um mehr als eine Stunde lang das farbenprächtige Spiel der Wachablösung vor sich vorüberziehen zu lassen. Was für ein Gemisch von Farben und Rassen hat sich hier um uns versammelt, zierliche Inderinnen in leuchtendfarbigen Saris, mondäne Negerdamen aus der Neuen Welt, Studenten aus Indonesien mit bestickten Käppchen.

Und an unser Ohr dringt ein vielstimmiges Gewirr europäischer und überseeischer Sprachen, in dem jedoch Englisch aller Schattierungen den Grundton bildet. Alle diese Menschen harren hier geduldig, um noch einmal den Glanz eines zerfallenden Empire wieder aufleuchten zu sehen, das seine Verkörperung aber vielleicht mehr noch in der bestimmten aber nie endenden Höflichkeit der Polizisten findet, die uns geduldig immer wieder einige Schritte zurückzutreten bitten.

Militärisches Schauspiel und Kasernenhof

Man ist versucht, in dem komplizierten Exerzierritus einen Ausdruck des steifsten Militarismus zu sehen, und ist dann überrascht, wenn man ein andermal erlebt, wie dieselben Engländer, die hier ehrfürchtig dem militärischen Schauspiel beiwohnen, in lautes Gelächter ausbrechen, als auf einem Kasernenhof ein Unteroffizier armschwingend und stampfend seinen Zug herumkommandiert. Und man spürt, dass der Engländer zwar in dem historischen Schauspiel die Dinge ehrt, die ihm als Königin, Vaterland und Demokratie wert sind, dass ihm aber andererseits das Militär als Ausdruck tiefster Erniedrigung und Versklavung der freien, selbstverantwortlichen Persönlichkeit gilt; als ein notwendiges Übel und mehr nicht.

Ehre und Erschauern

Es ist die Tradition, in der man die Grösse der Vergangenheit und des gegenwärtig Erreichten ehrt, wie wir es auch im Tower erleben, wo jeder Stein von grauenhaftester, düsterster Geschichte spricht.
Die Ströme von Blut, die hier flossen, scheinen nachzuleuchten in dem schwarzroten Gewand des Burgwächters, der uns führt.
Doch auch hier erhebt sich der freie Mensch über die sklavische Ehrfurcht vor der Geschichte, und mit feiner Ironie macht uns der "beefeater" die grauenhaften Folgen menschlichen Irrens in ihrer ganzen Sinnlosigkeit deutlich.

Noch manches sehen wir in diesen wenigen Tagen. Wir stehen in den intim wirkenden Räumen des Parlaments, in denen schon die Sitzanordnung bedingt, dass man sich nicht voreinander produziert, sondern wirklich miteinander spricht, wir bewundern die riesigen Bildwerke vergangener Kulturen und die kunstvollen Produkte europäischen Handwerksfleisses im Britischen Museum, und im technischen Museum belächeln und bestaunen wir zahllose Maschinen und Geräte aus den Anfängen unseres technischen Zeitalters.

Freie Rede Geachteter Gegner

Viele Dokumente der Vergangenheit begegnen uns noch, sei es als mächtiges Bauwerk oder als sorgsam gehüteter Museumsschatz; unvergesslicher aber als all dieses wird uns die Dokumentation des lebendigen Wirkens einer Nation sein, wie wir sie Sonntagmorgens an der Rednerecke des Hyde-Park erlebten.

Hier, wo der Engländer frei seine Meinung als Sinn oder Unsinn sagt, wo man politische oder religiöse Meinungsverschiedenheiten nicht mit Beleidigungen und Faustkämpfen ausficht, sondern mit der scharfen Klinge des Gedankens und des Wortes, unter ständiger Achtung des Gegenübers als eines Menschen von gleichem Wert und mit gleichem Recht, hier, wo man auch dem Andersdenkenden zuzuhören versteht, ohne sich in seiner freigebildeten Meinung beeinflussen zu lassen, hier spürten wir mehr als irgendwo sonst die wirkende Kraft einer jahrhundertealten demokratischen Tradition.
Und so dauerte es nicht lang, und wir standen selbst in ehrlicher Diskussion mit Emigranten aus verschiedenen Ländern und erörterten Wesen und Wege unseres eigenen jungen Staates, umringt von einem immer grösser werdenden Kreis Neugieriger, die erstaunt dieser deutschsprachigen Hyde-Park-Diskussion lauschten.

Fahrt ins Ferienlager

Wir hätten noch lange hier verweilen mögen, aber wir mussten den Marble Arch und bald auch London verlassen.
Und so sassen wir denn wieder im Zuge und fuhren nordwärts, durch das wellige Land, vorbei an sattgrünen Wiesen mit Tausenden von Schafen, vorbei an den Wäldern aufragender Kaminrohre in den Städten und vorbei an Wohnwagenkolonien in buschigen kleinen Bachtälern.

Schliesslich kommen wir im Ferienlager Marton an, freudig begrüsst vom Lagerleiter, den englischen Lehrern und dem halben Hundert Jungen und Mädel aus Northumberland, die hier mit uns und den sechzehn französischen und sieben norwegischen Jugendlichen, die bald nach uns eintreffen, ihre Ferien verbringen wollen.

Unser Lebensbereich

Schnell ist das Lager erkundet, abseits liegt es inmitten von Heide und Wald.
Aber es wird uns hier nicht langweilig werden; wir können wandern und viel Sport treiben, Fussballplätze sind da und Anlagen für Kricket, Tennis, Basketball, Netzball und Tischtennis. Ja, sogar ein kleines Schwimmbad liegt inmitten des Lagers. Und wer gerade nicht beschäftigt ist, kann sich auf die Bank setzen, die sich um unsere 'Dorfeiche' herumzieht, und dem Treiben zusehen, bis von der Schiffsglocke, die an einem ihrer Äste hängt, das Geläut zum Essen ertönt.


Mancher hatte Schlimmes befürchtet, wenn er an das englische Esse dachte. Doch bald sind alle des Lobes voll. So gut und reichhaltig hatte es keiner erwartet. Gegen Ende des Lagers allerdings wird doch zuweilen der Wunsch nach einer guten Schnitte rheinischen Schwarzbrotes laut. Es ist eben auch nicht einfach, nur von Weissbrot, Keks und Kuchen zu leben.

Alles herzlich und hilfsbereit

Eine andere Sorge war die gewesen, wie die Engländer uns begegnen würden. Aber sie war schon fast vergessen, als wir im Lager ankamen, da uns schon bisher immer nur Herzlichkeit, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft begegnet waren.
So ist es nun auch hier. Nach wenigen Stunden schon sind die ersten Freundschaften geschlossen.

Bei Tisch und in den Schlafsälen, bei Sport und Spiel lebt man miteinander und ist bald nur noch eine einzige Gemeinschaft gleichgesinnter froher jungen Menschen. Es dauert nicht lange, da sprechen auch die Deutschen untereinander fast nur noch Englisch, und mancher wundert sich darüber, dass er noch in London soviel Angst davor hatte, auch nur einen Schutzmann nach dem Weg zu fragen.
Auch dies ist zum Teil der vorurteilslosen Aufgeschlossenheit unserer Gastgeber zuzuschreiben, wozu einer unserer Jungen sagt: "Ich möchte bloss wissen, wer immer von sturen Engländern redet."

Schwung im Tagesplan

Auch der äusseren Organisation gebührt höchstes Lob. Von dem aufgestellten Tagesplan sagt ein Junge:" Gerade so, dass man sich nicht langweilt und doch noch spürt, dass man Ferien hat."
So finden wir uns denn entsprechend diesem Plan zusammen bei Filmabenden, an denen wir englische Landschaften kennenlernen, geselligen Abenden, in denen die nationalen Gruppen durch Film und Lied ein Bild ihres Heimatlandes zu geben versuchen, bei Tanzabenden, wo die englischen Mädchen bald auch den Ungeübtesten von uns dazu bringen, mit Begeisterung schottische Volkstänze, wie "Strip the Willow'" und "Gay Gordons", zu tanzen, und schliesslich bei Gesellschaftsspielen und einem Maskenfest, an dem einer unserer Jungen auch den englischsten Engländer übertrumpft und als Lord mit 'bowler-hat' den ersten Preis erringt.

Weitere Erfolge bringen unserer Gruppe auch die verschiedenartigster Sportwettkämpfe. So gibt es erste Preise im Weitsprung, Schwimmen und Tischtennis.

Sportlicher Höhepunkt aber sind die zwei Fussballspiele einer Lehrer- gegen eine Schülermannschaft, die von den Lehrern sogar knapp gewonnen werden. (Kommentar dazu: "Mensch, das müsste es bei uns in Hilden auch mal geben !")

Erlebte Landschaft

Schönste gemeinsame Erlebnisse aber sind die Busfahrten durch das englische Land; die erste, an der wohnwagenübersäten walisischen Küste entlang, zum Seebad Llandudno, die zweite durch das Bergland des Peak-District mit seinen kahlen Kuppen und den hübschen Tälern, die uns zuweilen an die bergische Heimat erinnern.

Ein andermal geht es in das mittelalterliche Chester mit seinen römischen Bauresten, der weiträumigen Kathedrale und den eigenartigen Fachwerkhäusern, deren Laubengänge in das erste Stockwerk verlegt sind, so dass man zwei Reihen von Geschäften übereinander findet.
Die eindrucksvollste Fahrt schliesslich bringt uns quer durch Nordwales nach Caernarvon, schon zu Zeiten der Römer eine mächtige Festung, mit seiner gigantischen zehntürmigen Burg, dem historischen Krönungsort der Prinzen von Wales.

Eine Fahrt voller Wunder

Doch noch eindrucksvoller beinahe die Fahrt nach hierdurch die Flusstäler von Dee und Conway, die uns abwechselnd an Eifel und Schwarzwald erinnern, und endlich durch die alpinen Hochtäler des Snowdonmassivs mit seinen steilen, nebelumwogten Felsschroffen und urzeitlichen Geröllhängen, von denen es dann nur eine knappe Stunde bis hinab zu den Ufern der Irischen See ist. Als wir auf der Rückfahrt dann noch durch eine weite Fläche fast unberührter Hochmoore kommen, sind wir zutiefst beeindruckt von der vielgestaltigen Schönheit dieser nordischen Landschaft.

Wie sehr wir Freunde wurden

Als wir wenige Tage später wieder den Bus besteigen, ist es, um die Heimfahrt anzutreten. Viele tun es mit schwerem Herzen, "Könnten wir doch noch eine oder zwei Wochen bleiben!" Schwere Herzen auch bei den Zurückbleibenden, die uns nachwinken, und es wird offenbar, wie sehr wir Freunde wurden. Als Trost bleiben die privaten Einladungen zu Besuchen in Northumberland und die Pläne, im nächsten Jahr wiederzukommen, koste es, was es wolle, und sei es mit dem Fahrrad.

Dieser Ausdruck des Zusammenfindens mag der schönste Lohn und Dank für die Veranstalter des Education Committee der Grafschaft Northumberland sein und sie zu weiteren ähnlichen Unternehmungen ermutigen.

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Die Rheinische Post schrieb am 18. August 1960

Hier ein Artikel aus einer englischen Zeitung - soweit er entziffert werden konnte.

Winsford Guardian
04.08.1960

Teenagers of four Nations meet at Marton Camp

An international gathering has been held at Northumberland Education Commitee`s Marton Camp School at Whitegate for the past nine days. Until next Tuesday, 60 boys and girls from Northumberland will be hosts of 18 boys from Germany, seven boys and girls from Norway and 16 boys and girls from France. The boys and girls are 14 to 17 years old.

The focal point of the camp at Marton is the swimming pool, where these young people talk, play handball or netball by the side of the pool or swim in it. The friendly relationships which have sprung up; are numerous and the basic atmosphere of the camp is one of freedom. The boys and girls, however, need no compulsion to go on trips to Snowdonia, Llandudno, the Peak District (including Chatsworth House and Castleton) and Caernarvon. The Peak District trip returned via Jodrell Bank to allow the young visitors to see the famous radio telescope.

Mr. J. Philipsen who .. keen supporter of the scheme since its inception about 10 years ago. He is headmaster of Whitley Bay Park County Secondary School Northumberland. Mr T. Twaddlers is the administrative officer. He is also Northumbrian teacher.
The leaders of the Northumbrian children are 11 teachers and the children under their care ate from their respective schools. The foreign children come under a similar arrangement.

Third camp
This is the third gathering to be held at Marton, others sine 1949, have been held at a similar school Bellingham, in Northumberland.
The cost of the camp which lasts two weeks and includes the trips, is only 10 per head to those taking part. Foreign schools are contacted from Northumberland and given details of the scheme. If thev are interested, arrangements are made for them to visit England. .

Mr. T. Twaddle told the "Guardian" the scheme was carried out to give Northumbrian children, who could not afford to travel abroad the opportunity to meet and talk with foreigners.
The results if these camps were that children look up languages to communicate with their newly-made friends and in time travelled abroad themselves.

Worthwhile
It was evident the children considered the idea worthwhile. Attractive 15-year-old Berit Nass, who lives near Oslo and her French friend Marie Odile Vagnur from Chalon sur Saone, in excent English, told a "Guardian" reporter how much they were enjoying their stay. They considered Enland to an attractive place and Berit thought Snowdonia very like Norway.

This liking for England and obvious enjoyment of being in the camp was shared by a 16-year-old German boy Lothar Bochem from Dusseldorf.
The opinion that it was all worthwhile was expressed by two Northumbrians, Frank McGowan of Ashington and Rita Evans at Whitley Bay. This was the second of these camps Rita had attended.

Stand: 08.08 2009

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